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Sonntag, 8. August 2010

Sexualität: Kein Privileg für die Jungen

Aktuelle Untersuchungen bestätigen es: Auch Senioren sind noch aktiv im Bett. Menschen, die ihr Leben lang Gefallen an der Sexualität gefunden haben, verlieren dieses nicht auf einmal, nur weil sie älter werden. Allerdings ändern sich die Techniken zum Teil, denn das Altern geht mit körperlichen Veränderungen einher.

Insbesondere wenn man an die eigene Familie - die Eltern oder Großeltern - denkt, kann man häufig nicht glauben, dass da noch "was im Bett läuft". Denn Sexualität ist nach der gängigen Vorstellung den Jungen vorbehalten. Sie sind aktiv, strotzen vor Gesundheit und treiben es auch sonst recht wild. Die Alten hingegen? Sie haben mit Krankheiten und Wehwehchen zu kämpfen - da bleibt die Lust doch bestimmt auf der Strecke?

Nach den Erfahrungen der Sexualtherapeutin Ildiko Sobeslavsky aus Dresden wird die Sexualität im Alter vielmehr weitgehend von der sexuellen Vorgeschichte bestimmt: "Wer sexuelle Aktivität, Phantasie und Vielseitigkeit in jüngeren Jahren besaß, der wird dies auch im Alter beibehalten."

Die meisten älteren Menschen sind noch sexuell aktiv - mit oder ohne Partner

Dass dies noch sehr häufig der Fall ist, konnte in einer Befragung belegt werden. In ihr gaben in der Gruppe der 60- bis 69-Jährigen immerhin 84 von 100 Befragten an, noch bis zu dreimal in der Woche Intimkontakt mit einem Partner zu haben. Auch die 70- bis 79-Jährigen verlieren noch nicht die Lust: In dieser Altersgruppe sagten 73 von 100 Befragten, sie würden noch regelmäßig Geschlechtsverkehr haben. Und von den 80- bis 91-Jährigen fanden noch 60 von 100 Gefallen an der Sexualität. Hinsichtlich der Häufigkeit gab es allerdings große individuelle Unterschiede. Sie reichte von "weniger als einmal im Monat" bis hin zu "dreimal pro Woche".

Von den Frauen im Alter über 70 Jahren gab zwar ein Drittel an, keine Sexualkontakte mehr zu haben, doch meistens war nicht mangelndes Interesse, sondern der fehlende Partner der Grund. Aber auch in diesen Fällen wissen sich die Älteren zu helfen und bedienen sich der gleichen Mittel wie in jungen Jahren: Sie masturbieren. Von den über 65-Jährigen befriedigte sich jede dritte Frau und jeder zweite Mann mindestens einmal im Monat selbst. Auf mehrmals pro Woche kamen noch 17 von 100 Männern, jedoch nur 2 von 100 Frauen.
Körperliche Veränderungen können den Sex erschweren

Das Altern geht mit körperlichen Veränderungen einher, die durchaus einen Einfluss auf die Sexualität haben. Bei den Frauen sinkt beginnend mit den Wechseljahren beispielsweise der Östrogenspiegel im Blut. Dadurch wird unter anderem die Schleimhaut der Scheide weniger elastisch, dünner und trockener. Deshalb kann der Geschlechtsverkehr leichter zu Verletzungen, Rissen in der Schleimhaut und Schmerzen führen. Auch bei Männern sinkt der Spiegel des Geschlechtshormons Testosteron im Blut, außerdem verliert das Gewebe des Penis an Elastizität. Dadurch lässt die Erektionsfähigkeit nach. Der Penis wird nicht mehr so schnell und zuverlässig steif, auch der Erektionswinkel nimmt ab ("er ist nicht mehr so standhaft und kommt nicht mehr so hoch").

Hinzu kommen chronische Erkrankungen, die bei älteren Menschen weit verbreitet sind und insbesondere bei Männern einen Einfluss auf die Sexualität haben können. Zu ihnen gehören beispielsweise Bluthochdruck, Diabetes und Atherosklerose.
Leistungsprinzip steht nicht mehr im Vordergrund

Doch wie die Befragung belegt, lassen sich die Senioren von diesen zum Teil natürlichen und zum Teil krankheitsbedingten körperlichen Einschränkungen nicht von ihrer Lust abbringen. Zum einen gibt es medikamentöse Möglichkeiten, diesen Veränderungen entgegenzuwirken (z.B. Potenztabletten für Männer). Zum anderen zeigt die Praxis, dass sich viele der altersbedingten Probleme mit Hilfe von Phantasie und vielfältigen Techniken umgehen lassen. So nannten die Befragten alle Formen der erotisch sexuellen Kontaktaufnahme, besonders häufig aber manuelle und orale Kontakte. Dementsprechend empfinden viele Senioren den Sex auch dann als gut oder als "eine heiße Nummer", wenn es nicht zur genitalen Vereinigung gekommen ist.

"Beide Geschlechter haben an Aktivitäten wie Händchenhalten, Küssen und Umarmungen ähnliches Interesse, d.h. der Beziehungs- und der Erotikkomplex nimmt mit zunehmendem Alter an Bedeutung zu und die Genitalität nimmt ab", erklärt Sobeslavsky. Im Alter würde auch bei Männern nicht mehr das Leistungsprinzip im Vordergrund stehen, sondern mehr Wert auf Zärtlichkeit, Nähe und Geborgenheit gelegt, so die Diplompsychologin weiter.
Quelle:Sobeslavsky I: gynäkol prax 2000;24:713-25

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