Du fühlst dich noch zu Jung um auf Erotik und Sex zu verzichten?

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Sonntag, 8. August 2010

Mit 89 Jahren fängt das Leben nicht gerade an. Das heißt aber nicht, dass die Erotik im Alter verschwindet.

Drei Tage habe ich mich von deinem Rausch mitreißen lassen. Diese Nacht verbringe ich nicht mit dir, Mado. Ich habe Angst, mich völlig zu verausgaben." Als Marcel Mathiot diese Zeilen in sein Tagebuch schreibt, ist er 89 Jahre alt. Ein halbes Jahr zuvor ist, nach beinah 70 Jahren Ehe, seine Frau Kiki gestorben, und obwohl Mathiot von Herzen um sie getrauert hat, will er sich nicht als einsamer Witwer fühlen. Lieber wieder Junggeselle sein. Da trifft es sich gut, dass es in seinem langen und ausschweifenden Liebesleben immer schon viele Frauen gegeben hat, und genau die ruft er auch jetzt einfach wieder an: "Mado, die Fleischeslust; Hélène, die große Liebe meines Lebens; Louise, die sich Fantasien hingibt; Lili, geistige Harmonie und unendliche Zärtlichkeit."

Bis zu seinem Tod im Jahr 2004 mit 93 Jahren war Marcel Mathiot, Dorfschulmeister im französischen Contigné, nicht nur ein begeisterter Liebhaber, sondern auch ein leidenschaftlicher Chronist. Seit seinem 16. Lebensjahr führte er Tagebuch: über 21 000 Seiten, gefüllt mit den Träumen der Jugend und denen des Alters, mit Sehnsüchten und Erinnerungen, mit Alltagsbeobachtungen und Überlegungen, voller Humor, Herzlichkeit, Neugier und Glück. Und voller Liebe. Noch nie wurde so offen und charmant von der hochbetagten Liebe in all ihren Facetten geschrieben, "von flüchtiger Verliebtheit bis zur leidenschaftlichen Verrücktheit, von zartester geistiger Liebe bis zur nackten Fleischeslust".

Erotik im Alter: Monsieur Mathiot war ewig verliebt
Marcel Mathiot am 1. Mai 1999. Da war er 89 - und hatte die Maiglöckchen nicht für sich selbst gekauft.

Marcel Mathiot am 1. Mai 1999. Da war er 89 - und hatte die Maiglöckchen nicht für sich selbst gekauft.

Entdeckt hat diesen Schatz die französische Rundfunk- Journalistin Claire Hauter. Sie war auf Marcel Mathiot neugierig geworden, als er einige Male nach ihren Radiosendungen angerufen und - dezidiert und pointiert - etwas zu dem gesagt hatte, was zuvor zu hören gewesen war. Die beiden verstanden sich auf Anhieb, verabredeten einen Besuch, aus dem Claire Hauter eine weitere Sendung machte, eine rührende halbe Stunde, in der Marcel Mathiot aus seinem Leben erzählt, mit der heiseren, verwitterten Stimme eines Greises, in der aber eine verblüffende Jugend mitschwingt, ein Timbre von Lebenslust, Begeisterungsfähigkeit und Glück.

Die beiden hörten alte Chansons, summten und sangen mit, Marcel Mathiot erinnerte sich an die jungen Jahre, an die Liebe, seufzte ein paarmal, gluckste häufiger vor Vergnügen. Und las schließlich auch aus seinen Tagebüchern vor. "Ich muss einfach schreiben, ich kann nicht anders", sagte er damals in der Sendung, "und beim Lesen sehe ich dann alles noch einmal vor mir, ich erlebe es noch einmal." Eigentlich, hatte Claire danach zu Marcel Mathiot gesagt, eigentlich müsste man diese Tagebücher veröffentlichen. Und Marcel Mathiot hatte sich geziert, natürlich. Aber doch immerhin verfügt, dass die Journalistin es nach seinem Tod dürfte - mit Einwilligung seiner Kinder. Sie hat es gemacht, zusammen mit dem Schriftsteller Bernard Fillaire hat sie alle 21 000 handschriftlichen Seiten gelesen, katalogisiert und verschlagwortet. Nach sieben Monaten Arbeit konnte sie so schließlich ein wunderbares Buch zusammenstellen, in dem die wichtigsten Einträge der letzten 40 Monate im Leben Marcel Mathiots an den passenden Stellen um Notate aus früheren Jahren ergänzt sind. Sie zeigen, wie Erinnerung im Alter und Erfahrung von einst ineinandergreifen, wie Marcel Mathiot dank seiner Tagebücher in allen Lebensaltern zugleich lebte, welche Geschichte und Gegengeschichte seine Gedanken zuweilen haben.

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